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Brandgefährliches Brennholz? Wenn Holzpellets zum regionalen Zankapfel werden

Riesige Investitionen, große Hoffnungen – und noch größere Fragezeichen

Die geplante Holzpelletfabrik in Anor – besser gesagt, jetzt in Hirson – ist für die nordfranzösische Region ein echter Aufreger. Denn mit satten 50 Millionen Euro Investment, bis zu 140.000 Tonnen Jahresproduktion und dreißig geplanten Arbeitsplätzen lockt das Projekt. Die Verantwortlichen um Jean-Luc Pérat, Bürgermeister und ehemals treibende Kraft der Initiative, können sich vor Begeisterung kaum halten: Beeindruckende neue Werkshallen samt Revitalisierung eines alten Bahngeländes sollen die Thiérache wirtschaftlich auf das nächste Level heben.

Doch so viel Einigkeit herrscht eben doch nicht. Während in Hirson Begeisterung spürbar ist, bleiben die Nachbarn aus dem Sud-Avesnois skeptisch – und laut. Der Grundstücksverkauf an die Investoren scheiterte nämlich genau daran: zu viele offene Fragen, zuviel Unsicherheit bei Versorgung und Langzeitfolgen. So ist nach wie vor völlig unklar, wie die insgesamt 240.000 Tonnen Holzeingangsmaterial jährlich in einer der waldärmsten Gegenden Frankreichs nachhaltig beschafft werden sollen. Die Region ist von einer Vielzahl konkurrierender Pelletwerke und energiehungrigen Industrien umgeben, der Waldbestand extrem limitiert.

Naturschutz oder Wirtschaftsförderung – ein Dilemma mit vielen Facetten

Die Gegner des Projektes sehen in der geplanten Industrieanlage eine massive Bedrohung für Wälder, Landwirtschaft, Biodiversität und lokalen Tourismus. Laut Kritiker:innen würde für die Produktion der versprochenen Pelletsfläche von jährlichen 220.000 Tonnen Holzeinschlag benötigt – das entspricht etwa 8.000 Hektar Wald. Zugleich bleibt laut Umweltverbänden unklar, inwieweit künftig tatsächlich ausschließlich Nebenprodukte und Schnittholzabfälle von Sägereien genutzt werden – oder am Ende doch Bäume auf der Stange, aber auch Holz der Klasse B, verarbeitet würden. Obwohl Investoren und Projektwerber wiederholt Nachhaltigkeit zusicherten, gibt es kein abschließendes Gutachten.

Weitere Bedenken reichen von Lärm- und Staubemissionen bis zu erhöhter Verkehrsbelastung durch die für die Anlage notwendigen LKW-Transporte – Stichwort: 50 LKW täglich. Die Erfahrung anderer Standorte – etwa Sainte-Florence oder Cosne-sur-Loire – zeigt außerdem, dass großformatige Pelletwerke immer wieder für Anwohner:innen ein Quell von Beschwerden und Frust über Luftverschmutzung, Lärm und regelmäßige Brände sind. Doch in der Region, so klagen viele, überwiege das wirtschaftliche Interesse oft das der Bürgergesundheit.

Politisches Hin und Her – und juristische Winkelzüge

Seit mehr als einem Jahrzehnt kämpfen Unterstützer:innen und Gegner:innen um Anors Pellets. Nachdem der geplante Grundstücksverkauf nun endgültig verhindert wurde, setzten die Investoren postwendend die Gemeinde Sud-Avesnois unter Druck und fordern eine Umsetzung des alten Protokolls. Die juristische Auseinandersetzung wird nun wohl das Verwaltungsgericht von Lille beschäftigen – und könnte Jahre dauern. Der politische Streit bleibt dabei alles andere als sachlich – die Akteure werfen einander Blockade, Rückständigkeit oder gar wirtschaftlichen Kleingeist vor. In der Debatte geht es längst nicht mehr nur um Arbeitsplätze, sondern auch um die Frage, wem der regionale Wald tatsächlich gehört.

Wertvoller Rohstoff oder bedrohte Lebensader?

Ob Pellets tatsächlich eine nachhaltige regionale Energiequelle darstellen, bleibt auch in der Wissenschaft umstritten. Kritiker:innen, darunter mehrere Umweltverbände, warnen vor dem ökologischen Fußabdruck großer Werke: Die Herstellung ist energieaufwändig, die Wertschöpfungskette angeblich effizient, aber die Transportwege lang und die Subventionen hoch. Bereits in vergleichbaren Regionen decken sich Berichte von nachhaltiger Forstwirtschaft meist nicht mit dem tatsächlichen Einschlagsdruck.

  • Viele Einwohner:innen sorgen sich um den Verlust von Wald, Lebensraum und Naherholung.
  • Naturschutzvereine weisen auf verschwindende Artenvielfalt und langfristige Bodenerosion hin.
  • Die geplante Produktionsmenge stellt die regionale Forstwirtschaft hinsichtlich Nachschub, aber auch Preisstabilität vor schwer kalkulierbare Herausforderungen.

Fazit: Nachhaltige Energie braucht einen Standpunkt, der über kurzfristige Gewinne hinausblickt. Die Debatte um das Pelletwerk in Hirson zeigt exemplarisch, wie schwer der Spagat zwischen regionaler Wertschöpfung und ökologischem Gleichgewicht zu schaffen ist. Eines ist jedoch sicher: Ohne breite politische Einbindung, vollständige Transparenz, ein belastbares Gutachten zur Versorgungslage und die Kompromissbereitschaft aller lokalen Akteure gibt es in diesem Streit keine Gewinner – sondern nur weitere verlorene Buchen. Wer also künftig mit heißen Pellets im Ofen sitzt, sollte sich über die Herkunft seines Brennstoffs schlau machen – im Zweifel ist weniger manchmal mehr.

 

Clara Hoffmann
Verfasst von Clara Hoffmann

Clara Hoffmann ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt auf Gesellschaft, aktuelle Themen und Psychologie. Sie analysiert gesellschaftliche Entwicklungen, zwischenmenschliche Fragen und die psychologischen Hintergründe des Alltags mit Klarheit und Feingefühl.

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