Stellen Sie sich vor: Ein komplettes Gebäude, so schwer wie 170 Passagierflugzeuge, gleitet langsam mitten durch die Stadt – keine Explosionen, kein Baulärm, keine Kranballett-Vorstellung. Klingt wie ein Science-Fiction-Film? Willkommen in Xiamen, China, 2019!
Ein Ziegel bleibt, wo er ist – die unglaubliche Busbahnhof-Odyssee
Im Südosten Chinas, in der dynamischen Stadt Xiamen, standen die Verantwortlichen der Provinz Fujian vor einem echten Dilemma: Für eine neue Hochgeschwindigkeitsbahn sollte dringend Platz geschaffen werden. Unglücklicherweise versperrte ein ziemlicher Klotz die geplante Trasse: die brandneue Houxi Long Distance Bus Station. Und „Klotz“ ist keine Übertreibung – das gewichtige Bauwerk brachte stolze 30.000 Tonnen auf die Waage. Das entspricht ungefähr dem Gesamtgewicht eines Flugzeugträgers oder, für die Aviatik-Fans, 170 Boeing 737 aneinander gereiht.
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Klassische Methoden wie Abriss mit anschließendem Wiederaufbau kamen nicht in Frage. Zum einen hatte die moderne Busstation 2015 noch rund 36 Millionen Euro verschlungen, zum anderen wäre die Nachbildung teurer und zeitaufwendiger gewesen. Von den ökologischen Folgen eines Abrisses ganz zu schweigen. Doch Not macht – wie immer – erfinderisch.
Hightech-Ballett mit 532 Hydraulikzylindern
Die chinesischen Ingenieurinnen und Ingenieure entschieden sich, ein selten gewagtes Manöver anzupacken: Nicht zerstören, sondern bewegen! Die Houxi-Station wurde zuerst auf ihrer Stelle gedreht und dann – ganz behutsam, versteht sich – auf Schienen fast 300 Meter an ihren neuen Platz „geschoben“. Und das, ohne dass auch nur ein einziger Stein auf der Strecke blieb.
Das Zauberwort? 532 hydraulische Pressen verteilten sich strategisch unter dem Gebäude, allesamt computerüberwacht und millimetergenau gesteuert. Während die eine Hälfte der Pressen das massive Bauwerk anhob, schob die andere Hälfte synchron nach vorn – Schritt für Schritt, Tag für Tag. So setzte sich das Busbahnhof-Koloss wie ein riesiger Eistänzer in Bewegung.
- Dauer der Aktion: 40 Tage
- Tagesleistung: ca. 20 Meter pro Tag
- Verwendete Technik: bewegliche Schienensysteme, hydraulische Pressen, Computerkontrolle
- internationale Anerkennung: Guinness-Weltrekord
Aus der Entfernung war das Spektakel kaum wahrzunehmen. Doch in schneller Zeitraffer-Aufnahme wirkt das Ganze, als ob der gigantische Betonbau auf riesigen Schlittschuhen durch die Stadt gleitet – regelmäßig, fast organisch, wie ein zivilisierter Roboter auf Sonntagsspaziergang. Wenig überraschend, dass der „strukturierte, assistierte Translationsvorgang“ (so der Technikjargon) auf Social-Media-Kanälen in Windeseile viral ging: Das Time-lapse-Video auf Weibo erreichte Millionenansichten.
Rechnen, staunen, sparen: Warum nicht abreißen?
Klar, ganz billig war die Aktion nicht: Etwa 7 Millionen Euro kostete der Umzug der Houxi Bus Station. Verglichen mit Abriss und Wiederaufbau jedoch fast ein Schnäppchen – und noch dazu eine enorme Zeitersparnis. Wer schon einmal eine halbe Tasse verschüttet hat, weiß: Manchmal braucht man kluge Lösungen statt grober Gewalt. Außerdem blieb so das komplette Originalbauwerk mitsamt Infrastruktur erhalten und das Stadtviertel wurde nicht monatelang lahmgelegt.
Heute wird diese technische Meisterleistung weltweit in Ingenieursschulen gelehrt. Sie zeigt eindrucksvoll, dass Bauingenieurwesen nicht nur Muskelkraft, sondern vernetztes Denken, Mut zur Technik und eine Prise Fantasie verlangt.
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Ein Blick zurück – und ein kleiner Seitenhieb
Natürlich gab es schon früher waghalsige Verschiebe-Expeditionen: In den 1960er Jahren transportierte das französische Unternehmen Sainrapt et Brice einen ägyptischen Tempel (immerhin 800 Tonnen schwer) stattliche 2,6 Kilometer – für das Assuan-Staudammprojekt. Im Vergleich ist das chinesische Unterfangen zwar eine andere Gewichtsklasse, aber die Methodik (vorgespannte Träger, Schienensystem, schwere Pressen) blieb verwandt. Damals wie heute ist solche Logistik eine Kunst für sich.
Mancher mag anmerken, dass technisches Können in Asien längst Weltspitze ist und die Konkurrenz selbst vor den USA nicht haltmacht. Wieder andere bedauern, dass Medien oft internationale Beispiele oder Boeing statt Airbus als Vergleich bemühen – aber das ist eine andere Geschichte und gehört wohl zum großen Welttheater dazu.
Fazit: Groß denken, klug handeln!
Wenn Gebäude tanzen können, warum nicht auch unser Denken? Der Rekord-Umzug von Xiamen beweist: Mit moderner Technologie, Präzision und Einfallsreichtum kann man scheinbar Unmögliches möglich machen – ohne Stein- und Herzbruch.