„Ich friere bei 19 Grad“ : Diese Tricks unserer Vorfahren helfen sofort

 

Frösteln Sie auch schon bei 19 Grad und sehnen sich nach dem perfekten Kuschelkomfort? Willkommen im Club der Frostbeulen von heute – Zeit, sich ein paar Tricks von den wirklich Abgehärteten abzuschauen: unseren Vorfahren! Denn deren Alltag zwischen zugiger Kälte, dicken Mänteln und wohligem Glutnest ist nicht nur spannend, sondern liefert auch erstaunlich praktische Wärmetipps für moderne Zeiten.

Kälte: Früher Alltag – heute Schock?

Schon Pascal Acot, Klimahistoriker und Forscher am CNRS, weiß: „Ja, wir sind kälteempfindlicher als früher.“ Der Alltag zu Beginn des 20. Jahrhunderts hing natürlich stark davon ab, wo man lebte und welches soziale Pflaster man gerade erwischte – Stadt oder Berg, Schweiz oder anderswo, Bauer oder Bürgerskind. Dennoch gab es ein verbindendes Element: Der Begriff „thermischer Komfort“ ist eine ziemlich junge Erfindung.

Unvorstellbar? Vor rund fünfzig Jahren waren in ländlichen Gegenden Frankreichs unbeheizte Schlafzimmer normal. Die Kinder hockten abends in der warmen Küche über den Hausaufgaben – heizbare Arbeitszimmer für die Sprösslinge? Luxus! Man war schon glücklich, eine Wärmflasche und einen Nachtmützchen zu haben.

Heizen, aber richtig…und selten!

Der Komfort zu Hause war lange eine Frage des kollektiven Durchhaltevermögens. Laut Olivier Jandot, Historiker und „Lagerfeuer-Romantiker“, empfahl ein Arzt des 18. Jahrhunderts eine ideale Schlafzimmertemperatur von 12,5 bis 15 °C. Praktisch nachzumessen? Keine Chance – vor der Thermometer-Erfindung war das Rätselraten angesagt. Erst mit dem 20. Jahrhundert kamen Hygieniker daher, debattierten über Heizungsnormen und wünschten sich überall garantierte 18 °C (zumindest bei minus 5 °C draußen). Sollte das Heizsystem diese Temperatur nicht schaffen, konnte man darüber rechtlich sogar streiten! Besonders engagiert: André Missenard – auch dank seiner schrägen Thesen, dass intensiveres Heizen Frauenmode und damit die Zivilisation gefährde (Männerlogik, 1940er-Edition).

In Benimmratgebern riet man, Räume unterschiedlich stark zu heizen: Schlafzimmer kalt, Bad heiß, Küche und Flur kalt (klingt nach „Gesund durch Schocktherapie“). Erst die Nachkriegszeit brachte ein „ewiges Frühjahr“: Werbe-Klassiker wie „Kreiere dir dein Midi zuhause!“ fütterten das neue Bedürfnis nach T-Shirt-Feeling im Wohnzimmer. Doch vorher war klar: Reinkommen hieß, sofort wieder einkleiden!

Anziehen wie die Profis: Wie man dem Frost clever begegnet

  • Mehrlagige Kleidung: Der berühmte Ratschlag, den jeder kennt – Schicht für Schicht, modernes „enveloppes concentriques“ oder einfach: Zieh mal mehr an!
  • Spezielle „Indoor-Klamotten“: Früher lag im Schrank nicht nur das Ausgehgewand, sondern auch gesteppte Westen und mollig warme Morgenmäntel. Der Dichter Bossuet schrieb nachts mit zwei Jacken und Bärenfellsack an den Füßen.
  • Wärmen statt Räume heizen: Die Menschen lebten am Feuer, rieben sich an Wärmequellen, nutzten tragbare Wärmflaschen, Kupfer-Bettwärmer („Bassinoires“, mit Asche gefüllt!) und sogar Zeitungspapier zum Isolieren.
  • Alle Mann in einen Raum! Familien und sogar Tiere nutzten die Körperwärme gemeinsam, oft schlief man nebeneinander. Die Hygiene-Experten waren wenig begeistert davon – aber warm war es.

Die Zahlen sprechen für sich: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrugen die Ausgaben fürs Heizen und Beleuchten bei einer Textilarbeiterfamilie 4,1%, bei einer Lehrersfamilie sogar 31,1% ihres Budgets. Kleidung verschlang 11,4% bzw. 13,3% – heute sind es laut Expertenempfehlung gerade mal 2,6% (bei 80 CHF/Monat und 3.000 CHF Einkommen).

Die Wohntricks unserer Vorfahren: Zeitsprung zur Wärmequelle

Vor dem Siegeszug moderner Isolierung und Zentralheizung wurde am Haus viel optimiert. Schräge Nischen und Alkoven waren enger, um Heizwärme zu speichern – Gruppenkuscheln im Familienzimmer war Standard. In der Küche zu schlafen oder sich zu waschen, wo der Herd glühte, war völlig normal. Wer Haustiere hatte, teilte sich im Winter manchmal das Quartier – Körperwärme ist bekanntlich keine Frage des Geschmacks.

Der bekannte Pyjama hat seinen Glanz übrigens mit dem Siegeszug der Zentralheizung verloren. Und die Nachtmütze? Eher selten auf alten Bildern – womöglich ein Märchenaccessoire. Die Kupfer-Bassinoire wurde vornehmlich auf dem Land eingesetzt, wo man wenigstens Kohle und Glut besaß.

Fazit? Wärme war ein ständiger Begleiter der Fantasie und der Improvisationskunst. Die heutigen Diskussionen um die richtige Raumtemperatur zeigen: Was für unsere Großeltern „zu warm“ war, verkauft sich inzwischen als behagliche Selbstverständlichkeit. Und wer fröstelt, sollte nicht auf Technik hoffen, sondern sich ruhig mal den Rat von vor 100 Jahren zu Herzen nehmen: Erst anziehen, dann jammern! Oder wollen Sie etwa Bossuet den Bärenfellsack neiden?

 

Clara Hoffmann
Verfasst von Clara Hoffmann

Clara Hoffmann ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt auf Gesellschaft, aktuelle Themen und Psychologie. Sie analysiert gesellschaftliche Entwicklungen, zwischenmenschliche Fragen und die psychologischen Hintergründe des Alltags mit Klarheit und Feingefühl.

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