Menschen, die Mundgeräusche hassen, haben laut Psychologie dieses Persönlichkeitsmerkmal gemeinsam

 

Ein Klopfen mit dem Stift, ein etwas zu hörbares Kauen, und deine Ruhe gerät ins Wanken, während alle anderen ungerührt bleiben. Vorübergehende Marotte oder echte Misophonie, deren Hintergründe tiefer reichen, als es scheint?

Ein Zungenschnalzen, Kaugeräusche – und der Körper spannt sich an. Dieser Reflex hat einen Namen: Misophonie, eine noch wenig bekannte psychosomatische Störung, von der wohl rund 15 % von uns betroffen sind. Im Kern des Phänomens stehen eine erhöhte emotionale Empfindlichkeit sowie hormonelle und genetische Faktoren, die die Reaktion des Nervensystems anfachen können. Auslöser, körperliche Folgen, Wege zur Linderung (TCCE, EMDR) und Anhaltspunkte, wann es sinnvoll ist, Hilfe zu suchen: eine Einordnung.

Ein bisschen genervt – oder echte Misophonie?

Vielleicht haben Sie dieses unmittelbare Zusammenzucken schon erlebt, wenn jemand kaut, schluckt oder hörbar atmet. Wenn diese Gereiztheit anhält und über bloßes Unbehagen hinausgeht, kann es sich um Misophonie handeln. Diese noch wenig bekannte Störung betrifft Schätzungen zufolge etwa 15 % der Bevölkerung und geht mit ausgeprägten körperlichen und emotionalen Reaktionen auf bestimmte Geräusche einher.

Diese auditive Überempfindlichkeit liegt an der Schnittstelle zwischen emotionalen und körperlichen Mechanismen. Sie betrifft besonders Menschen, die bestimmte gemeinsame Merkmale aufweisen – was erklärt, warum nicht alle dieselben Geräusche gleich erleben.

Eine Geräuschintoleranz der besonderen Art

Misophonie – wörtlich „Hass auf Geräusche“ – richtet sich nicht gegen alle Laute. Vor allem repetitive, intime Geräusche wie Mundgeräusche (Kauen, Schlucken) oder das Klicken eines Kugelschreibers lösen die Reaktion aus. Weit über eine bloße Unannehmlichkeit hinaus aktivieren solche Reize eine reflexhafte Antwort des Nervensystems: Angst oder Wut schießt hoch und lässt sich mitunter nur schwer bremsen.

Vermutlich spielt dabei eine atypische Aktivierung der Inselrinde eine Rolle – einer Region, die mit der Wahrnehmung von Emotionen und inneren Körpersignalen verknüpft ist. Tauchen die Auslösergeräusche auf, wird dieses Areal ungewöhnlich stark aktiv, was einen Spannungszustand begünstigt, der die Aufmerksamkeit bindet.

Emotionale Sensibilität und Prädispositionen

Zahlreiche Arbeiten verweisen bei Betroffenen auf ein wiederkehrendes Profil: eine erhöhte emotionale Sensibilität. Diese Eigenschaft kann dafür sorgen, dass scheinbar banale Geräusche stärkere negative Reaktionen auslösen. Hinzu kommen können genetische Faktoren oder die Prägung durch persönliche Erfahrungen, die die Intensität der Antworten modulieren.

Frühere Stress- oder Traumaerfahrungen, kombiniert mit einer als belastend empfundenen Geräuschumgebung in der Kindheit, können ebenfalls zur Entwicklung der Störung beitragen. Misophonie entsteht somit aus einem Zusammenspiel individueller Veranlagungen und Lebensumstände.

Umgang mit Misophonie: Welche Lösungen gibt es?

Es gibt konkrete Strategien, um die Belastung im Alltag zu verringern. Zu den am häufigsten genutzten Ansätzen zählen:

  • Techniken der Entspannung (tiefes Atmen, Herzkohärenz), um die körperlichen Reaktionen zu beruhigen.
  • Die kognitiv-emotionale Verhaltenstherapie (TCCE), um Wahrnehmung und Toleranz gegenüber Auslösergeräuschen zu trainieren.
  • Praktische Hilfen wie Weißes Rauschen über Kopfhörer, um störende Geräusche zu überdecken.

Gezieltere Methoden wie EMDR können helfen, die Reaktionen auf bestimmte akustische Reize schrittweise zu desensibilisieren. Die Begleitung durch eine in diesen Verfahren geschulte Psychologin oder einen Psychiater verbessert die Ergebnisse.

Die Bedeutung einer passenden Behandlung

Misophonie verdient eine ernsthafte Anerkennung und eine Behandlung, die individuell zugeschnitten ist. Wenn Sie eine Gesundheitsfachkraft konsultieren, lassen sich die Auslöser identifizieren, die damit verbundenen emotionalen Muster besser verstehen und wirksame Strategien zur Regulation etablieren.

Die Störung wird häufig unterschätzt, obwohl sie die Komplexität der Verbindungen zwischen unseren Sinnen, unserem Gehirn und unseren Emotionen verdeutlicht. Ein genaueres Verständnis hilft, überwältigende Reaktionen zu mildern und die Lebensqualität zu verbessern.

 

Clara Hoffmann
Verfasst von Clara Hoffmann

Clara Hoffmann ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt auf Gesellschaft, aktuelle Themen und Psychologie. Sie analysiert gesellschaftliche Entwicklungen, zwischenmenschliche Fragen und die psychologischen Hintergründe des Alltags mit Klarheit und Feingefühl.