Unterwegs quer durchs Land – ohne zu ahnen, wer in ihrem Auto ist

 

Unterwegs quer durchs Land – ohne zu ahnen, wer in ihrem Auto ist? In Frankreich fahren Arbeit und Unternehmen meist als blinde Passagiere mit, wenn das große Schauspiel der Präsidentschaftskampagnen gegeben wird. Schade eigentlich, denn ihre Kraft kann alles verändern, wenn man sie ans Steuer lässt.

Wenn der Arbeitsgeist aus der Kiste gelassen wird

Auch wenn Arbeit selten die Hauptrolle in französischen Wahlkämpfen spielt – meistens verschwindet sie unter Schlagworten wie „Beschäftigung“ und aktuell besonders „Kaufkraft“ –, ist das Verhältnis der Franzosen zur Arbeit reich und vielschichtig. Es sind goldene Wahlmomente entstanden, wenn ein Kandidat das Thema Arbeit aufgreift und damit den Puls der Zeit trifft: So geschah es 1981 mit Mitterrand, 1995 mit Chirac, 2007 mit Sarkozy und zuletzt 2017 mit Macron. Dann ergibt sich etwas Magisches – die berühmte „Begegnung eines Mannes mit seinem Volk“.

Doch die französische Unternehmenswelt fristet meist ein Nischendasein im politischen Programm: Zwar bildet sie das Rückgrat der Wirtschaft, aber auf den Wahlzetteln fehlt ihr oft die Hauptrolle. Die Geschichte der Präsidentenwahlen seit Einführung des allgemeinen Direktwahlrechts ist im Grunde auch eine Chronik dieser Nebendarsteller.

Triangulation, Brüche und das Chamäleon Arbeit

In früheren Wahlgängen taucht das Thema Arbeit nur am Rande auf – meist in Form vom Gegensatz zwischen konservativer Rente und dem Streben nach Modernität, zwischen der alten, etablierten Generation und einer hungrigen, jungen Dynamik. Der zweite Wahlgang ändert daran wenig: Plötzlich sind Rüstung und internationale Beziehungen in den Vordergrund gerückt, und Themen wie Europa werden noch mit Begeisterung debattiert.

Erst mit dem Zusammenschluss der Linken unter Mitterrand und gemeinsamen Regierungsprogrammen rücken Arbeitszeitverkürzungen, Nationalisierungen und soziale Demokratie in den Blick – doch auch das wird spätestens mit dem Slogan „Changer la vie“ sanft verwässert. Selbst als 1974 zum allerersten Mal das TV-Duell im Stil amerikanischer Präsidentschaftswahlen geführt wird, geht es beim legendären Herz-Monopol-Zitat eher um das politische Pathos als um die harte Realität im Arbeitsalltag.

Mittlerweile hat sich das Schwerpunktthema Arbeit weiter unter der Decke der Beschäftigungsstatistik versteckt: Als VGE (Valéry Giscard d’Estaing) 1980 einen schwachen Job-Bilanz vorlegt, dominiert in Wahrheit weiter die Makroökonomie. Der große Fortschritt in der Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmen droht im Sand zu verlaufen – ein kurz aufflackerndes Thema, das immer wieder von anderen Debatten überlagert wird.

Heiß umkämpft: Wer besetzt die Marke Arbeit?

Zur Jahrtausendwende schlagen neue politische Techniken durch: Jacques Chirac prägte die „soziale Kluft“ und übertrug das amerikanische Konzept der „Triangulation“ auf Frankreich. Von da an flankiert ein bunter Strauß aus arbeitsbezogenen Schlagwörtern die Rechte: „France d’en bas“, die „Frankreichs Untere“, später raffinierter garniert von Jean-Pierre Raffarin und nahezu kabarettreif („Wenn wir nach Ruhetagen nicht mehr arbeiten, ist die Müdigkeit besiegt!“).

Mit Nicolas Sarkozy hält das Motiv der Frühaufstehertruppe Einzug inklusive populärer Spaltung in „Leistungsträger“ und „Leistungsempfänger“. Das berühmte „Mehr arbeiten, mehr verdienen“ übernimmt rechts garantiert das Steuer, während die Linke eher nachdenklich bleibt: Reduktion der Arbeitskosten, SMIC-Erhöhungen, oder auch die Ablehnung einer „auserwählten Immigration“. Der Kern des Arbeitsproblems – die tiefe Sinn- und Identitätskrise im Arbeitsleben – entgeht in solchen Formeln dem Rampenlicht, bis die „Suizidkrise“ in Unternehmen das Thema eine kurze, aber tragische Sichtbarkeit gewinnt.

Macrons Wahl: Kein Triumph ohne blinde Passagiere

2017 bricht Emmanuel Macron mit alten Schubladen auf: Seine Kampagne verschmilzt die emanzipatorische Wertseite der Arbeit (das Erbe der Linken) mit der instrumentellen Seite (mehr verdienen!). Seine Botschaft: Der wahre Feind sei die „Wohnhafts- und Schicksalszuweisung“ – Stillstand, nicht die Arbeit selbst. Als fast einziger Kandidat betont er das Unternehmen als möglichen Ort der Selbstverwirklichung und versucht, gesellschaftliche und ökologische Ziele in der Wirtschaft zu verankern.

Doch in jüngerer Zeit reduziert sich die Arbeitsfrage im politischen Diskurs fast nur noch auf das Schlagwort „Kaufkraft“. Marine Le Pen zielt mit einfachen Rezepten auf Preissenkungen, Steuererleichterungen und nationale Prioritäten ab – oft am Rande der Verfassungsmäßigkeit. Währenddessen sprechen Statistiken für eine gestiegene Kaufkraft im Land, doch das Bauchgefühl der Franzosen sagt: Es reicht nicht.

  • Le Pen verspricht eine 10%ige Lohnerhöhung bis zum Dreifachen des Mindestlohns ohne Sozialabgaben;
  • Ein „Warenkorb“ von 100 lebensnotwendigen Produkten mit 0% Mehrwertsteuer;
  • Staatliche Leistungen nur noch für Familien mit mindestens einem französischen Elternteil.

Viele dieser Vorschläge stehen auf wackeligen juristischen Beinen und hätten kaum spürbaren Effekt für den Geldbeutel.

Fazit: Arbeit und Unternehmen bleiben die heimlichen Mitfahrer jeder Wahl – manchmal Unternehmen, manchmal Ballast, immer aber mit großem Potenzial. Vielleicht findet ja ein kreativer Kopf bald den Schlüssel, um ihnen die Rolle zu geben, die sie verdienen. Bis dahin: Sicherheitsgurt anlegen, denn im Rückspiegel warten sie schon, die heimlichen Stars des nächsten Wahlkampfs – vielleicht sogar mit Handy und Fahrgemeinschaft!

 

Clara Hoffmann
Verfasst von Clara Hoffmann

Clara Hoffmann ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt auf Gesellschaft, aktuelle Themen und Psychologie. Sie analysiert gesellschaftliche Entwicklungen, zwischenmenschliche Fragen und die psychologischen Hintergründe des Alltags mit Klarheit und Feingefühl.

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