Amazonas überrascht Wissenschaftler: Warum passiert plötzlich genau das Gegenteil?

 

Stellen Sie sich vor: Während die Alarmglocken für das Amazonasgebiet unaufhörlich schrillten und Experten von einer drohenden Verwandlung der Regenwald-Idylle in eine Savanne warnten, wuchs dort ganz still und heimlich ein grünes Wunder. Überraschender könnte die Wendung kaum sein: Statt Untergangsszenarien erleben wir mitten im Klimawandel das genaue Gegenteil.

Ein halbes Jahrhundert Forscherfleiß – und dann diese Überraschung

Vor etwa fünfzig Jahren war das Bild düster: Der Klimawandel sollte den Amazonaswald langsam aber sicher austrocknen, verwandeln und dezimieren. Die Angst: Einer der artenreichsten Orte auf unserer Erde könnte sich in eine weitgehend leere Savanne verwandeln und dabei seinen unschätzbaren Wert verlieren.

Doch jetzt haben fast hundert Forscher aus ganz Südamerika mit einer riesigen internationalen Studie diese Vorstellung gründlich auf den Kopf gestellt. Jahrzehntelang – genauer gesagt seit 1971 (!) bis 2015 – haben sie mit detektivischer Gründlichkeit 188 Waldparzellen beobachtet und vermessen. Manche dieser Gebiete wurden dreißig Jahre ununterbrochen überwacht. Das Ziel: Die sogenannte „Bodenfläche“ jeder Baumart wurde exakt gemessen, also die Fläche, die der Stamm am Waldboden einnimmt. Damit lässt sich nicht nur die Entwicklung der Waldmasse präzise dokumentieren, sondern auch, wie das Ökosystem reagiert.

Die Bilanz? Von Baumsterben keine Spur! Im Gegenteil. Seit den 1970er Jahren haben die Amazonasbäume ihre Stammumfänge alle zehn Jahre im Schnitt um 3,3 % vergrößert. Ein solch gleichmäßiges und kollektives Wachstum über den gesamten Wald hinweg – das ist ein Novum in der modernen Waldgeschichte.

Alle profitieren: Das Öko-Wachstum kennt (noch) keine Verlierer

Richtig verblüffend: Das Phänomen ist nicht etwa auf eine bestimmte Art oder Größe begrenzt. Nein, vom winzigen Sprössling, der sich mühsam zur Sonne streckt, bis zum gewaltigen Baumriesen – alle machen mit beim kollektiven Zuwachs. Die alten Lehrmeinungen gerieten ins Wanken, denn bislang dachte man, dass vor allem die großen, ressourcenstarken Exemplare in veränderten Umwelten profitieren würden und die Kleineren alt aussehen lassen.

Doch weit gefehlt. Der Treiber liegt ganz oben: in der Atmosphäre. Die immer höheren Konzentrationen von CO2, die allem Anschein nach Umweltschützer und Klima-Modelle in Angst und Schrecken versetzen, zeigen sich im Amazonaswald als echter Joker. Das viele CO2 wirkt als ein gigantischer Pflanzen-Boom-Dünger: Die Wälder verwandeln den Überschuss an Kohlendioxid in Masse – ein Effekt, den Klimaforscher „CO2-Düngung“ nennen. Und er scheint stärker und langanhaltender zu wirken als bislang vorhergesagt.

Wissenschaftliche Szenarien: Wer gewinnt beim CO2-Jackpot?

Die Wissenschaftler hatten dafür drei Entwicklungsmöglichkeiten auf dem Radar:

  • Im Szenario „Winners-take-all“ würden nur die Großen absahnen und die Kleinen plattmachen.
  • Im Szenario vom „begrenzten Kohlenstoff-Nutzen“ hätte hingegen der Nachwuchs spektakulär zugelegt, während die älteren Bäume leer ausgingen.
  • Doch das Rennen machte eine ökologische Utopie: Im Szenario „Nutzen teilen“ profitieren alle – unabhängig von Alter oder Größe – in gleichem Maße vom Boomtakt des Klimas. Ein echter Gleichmacher-Effekt, der alle Erwartungen sprengt.

Doch kein Grund zum sorglosen Feiern: Noch funktionieren die CO2-Düngerprozesse so gut, dass keine der untersuchten Parzellen einen Rückgang zeigt. Die positive Wirkung gleicht die Klima-Stressfaktoren wie Trockenphasen oder steigende Temperaturen bislang noch mehr als aus.

Achtung: Das Happy End könnte nicht von Dauer sein

Natürlich bleibt ein Wermutstropfen: Klimamodelle warnen bereits, dass zunehmende Dürren, größere Hitzebelastung und häufiger auftretende Brände diesen Trend irgendwann umkehren könnten. Sollte dies passieren, droht wieder der alte Albtraum: viel Tote, wenig Wachstum, Dominoeffekte für das Weltklima.

Fazit? Die jüngste Entdeckung ist kein Freifahrtschein zum Zurücklehnen. Sie zeigt, wie enorm widerstandsfähig das Amazonas-Ökosystem aktuell ist und wie es eine Umweltkrise sogar in eine Wachstumschance verwandelt. Doch bleibt diese Resilienz nur dann erhalten, wenn wir als globale Gemeinschaft entschlossen handeln: Der Schutz des Amazonas ist keine Option, sondern Pflicht.

Brice berichtet seit fast zehn Jahren für Sciencepost über die spannendsten Wissenschaftsthemen. Seine Lieblingsgebiete: der Weltraum und die Paläontologie.

 

Clara Hoffmann
Verfasst von Clara Hoffmann

Clara Hoffmann ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt auf Gesellschaft, aktuelle Themen und Psychologie. Sie analysiert gesellschaftliche Entwicklungen, zwischenmenschliche Fragen und die psychologischen Hintergründe des Alltags mit Klarheit und Feingefühl.

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