Wie ein Baum in Äthiopien ganze Dörfer in die Armut stürzte

 

Manchmal führt der Weg zur Hölle tatsächlich über gute Vorsätze – oder in diesem Fall über einen Baum, der in einer der trockensten Gegenden Äthiopiens einst als Wundermittel gegen die Wüste angepriesen wurde. Heute jedoch schlagen die Folgen bittere Früchte: Der Prosopis, ein stachliger Einwanderer aus Lateinamerika, hat in Afar nicht nur das Klima, sondern das Schicksal ganzer Dörfer gewendet – und zwar zum Schlechten.

Große Versprechen, karge Ernte

Ursprünglich hoffte man, mit dem Prosopis-Baum die Erosion der Böden zu bekämpfen, ein angenehmeres Mikroklima zu schaffen, Schatten zu spenden und den Menschen den Handel mit Holzkohle zu ermöglichen. Besonders in der ariden Region Afar, die im Nordosten Äthiopiens liegt, konnte man jedes Blatt Hoffnung brauchen. In den 1970er Jahren pflanzte man den Prosopis erstmals – gleichzeitig auch im benachbarten Kenia.

Doch was als Retter kam, entpuppte sich als kaum zu stoppende Katastrophe. „Wegen dieser Pflanze sind wir arm geworden“, klagt die Viehzüchterin Khadija Humed, deren Dorf heute regelrecht überwuchert ist. Was einst als Waffe gegen die Wüstenbildung gedacht war, breitet sich mittlerweile ungebremst im gesamten Land aus, bedroht die Ökosysteme und zehrt an der Lebensgrundlage der lokalen Gemeinschaften.

Die Schattenseiten der grünen Invasion

Die Fakten sind so knallhart wie die Dornen des Prosopis, die mit bis zu zehn Metern hohen Ästen die Ebenen durchziehen und eine wahre Stachelwand bilden. Dank ihrer tiefen Wurzeln zapfen diese Bäume bis zu sieben Liter Wasser am Tag aus dem Boden – eine Menge, die auf Dauer nicht nur Felder austrocknet, sondern die Landwirtschaft massiv einschränkt. Pastoralisten, die traditionell auf Viehzucht angewiesen sind, stehen vor ruinösen Problemen: „Die Schoten machen die Kühe krank, verstopfen Maul und Magen, viele sterben“, beklagt Khadija Humed. Einst besaßen die Menschen hier zwischen 50 und 100 Tiere. Heute sind es oft kaum noch zehn Kühe und wenige Ziegen oder Schafe.

Aber das ist noch nicht alles. Yusuf Mohammed, ein 76-jähriger Bewohner der Region Awash, berichtet: „Das dichte Laub lockt Wildtiere an – Löwen, Hyänen, Wildkatzen, Füchse sind in unsere Dörfer eingedrungen und greifen das Vieh an.“ Hinzu kommt, dass die Dornen die Nutztiere verletzen, sodass sie schwach werden und keinen langen Futterwegen mehr folgen können. Das Resultat: Ein Teufelskreis aus Krankheit, Hunger und Armut.

Eine Gefahr für das ganze Land

Der Prosopis steht sinnbildlich für Problemfälle unter den gebietsfremden, invasiven Arten, die vom Menschen eingeführt wurden – mit Folgen für die Lebensqualität weltweit. Laut einem Bericht der UN-Biodiversitätsagentur (IPBES) von 2023 verursachen rund 3.500 solcher eingeschleppten Arten einen jährlichen Schaden von 423 Milliarden Dollar. „Vermutlich ist diese Zahl sogar arg untertrieben,“ bemerkt das als „Weltklimarat der Biodiversität“ geltende Gremium, das auch anmerkt: Der Schaden vervierfacht sich seit 1970 alle zehn Jahre!

In Äthiopien zeigt sich der Wandel brutal deutlich: Nach Berechnungen von Ketema Bekele, Umweltökonom an der Universität Haramaya, summieren sich die durch Prosopis verursachten Verluste in Afar in den letzten 30 Jahren auf 602 Millionen Dollar – vier Mal so viel wie das jährliche Regionalbudget.

Und das Drama wird größer. Laut einer im Dezember 2024 veröffentlichten Studie hat sich die vom Prosopis bewachsene Fläche im Land vervierfacht: Von 2,16 % aller Flächen im Jahr 2003 auf 8,61 % im Jahr 2023. Gleichzeitig schrumpften die Weideflächen um über ein Viertel. Sollte nichts passieren, könnte Prosopis bis 2060 ein Fünftel des äthiopischen Bodens überwuchern – ein gewaltiges Areal von rund 1,1 Millionen Quadratkilometern.

Strategien gegen die grüne Übermacht

Die weitere Ausbreitung wird unterdessen von Kamelen beschleunigt, die das Mark fressen und die Samen großzügig über ihre Verdauung auf Streifzug schicken. Doch ganz kampflos gibt man sich in Afar nicht geschlagen. Seit 2022 setzt die NGO CARE Programme zur Schadensbegrenzung um:

  • Getrocknete Prosopis-Blätter werden, gemischt mit anderen Getreidesorten, als Tierfutter genutzt.
  • Die Holzmasse findet Verwendung als Baumaterial oder wird zu Holzkohlebriketts verarbeitet.
  • Mit Unterstützung des dänischen Danida-Fonds werden Prosopis-Bäume gerodet und durch Obstbäume ersetzt, deren Früchte auf lokalen Märkten verkauft werden.

Dawud Mohammed, Einsatzleiter von CARE in Afar, beschreibt das Ausmaß: „Für einen mehr Hektar großen Bereich haben wir 20 Tage gebraucht, um die Bäume zu entfernen.“ Doch warnt Dawud auch: Obwohl das Übel als „kontrollierbar“ gilt, kann die Herausforderung nicht allein gestemmt werden – Ressourcen und Unterstützung sind dringend nötig.

Während also weiterhin Kamelkarawanen über die Ebenen ziehen und die Samen verstreuen, bleibt der Kampf gegen den Prosopis ein Wettlauf gegen die Zeit. Und vielleicht – wer weiß – steht am Ende tatsächlich wieder ein Neuanfang unter den Früchten heimischer Bäume.

 

Clara Hoffmann
Verfasst von Clara Hoffmann

Clara Hoffmann ist Journalistin und Redakteurin mit Schwerpunkt auf Gesellschaft, aktuelle Themen und Psychologie. Sie analysiert gesellschaftliche Entwicklungen, zwischenmenschliche Fragen und die psychologischen Hintergründe des Alltags mit Klarheit und Feingefühl.

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